© PRANA PROJEKT 2012 1. Entwicklungspolitischer Hintergrund 1.1. Situations-/Problemdarstellung  In ganz Indien, besonders im Süden des Landes, herrscht die Vorstellung, dass es Menschen gibt, vor allem Frauen und Kinder, die anderen allein durch ihre Existenz Unglück bringen. Diese Menschen heißen in Tamilnadu tarittiram, was auf Tamil viele Bedeutungsebenen hat, wie z.B. ‚Armut', ‚Bedürftigkeit', ‚Elend', ‚bittere Not'. Die personalisierte Form heißt tarittiri, ‚arme Frau'. Eine entsprechende ‚männliche' Form gibt es nicht. Schon allein die Sprache zeigt, dass Unglück in einen gesellschaftlichen Zusammenhang gestellt wird, der sich in erster Linie auf Frauen bezieht und automatisch deren Kinder einschließt. Diese Vorstellung bedeutet konkret Meidung, Ausgrenzung und Stigmatisierung von Kindern - man nennt sie ‚Unglückskinder' - und deren Müttern, die aus westlicher Sicht unverschuldet in Not geraten sind. Unglückskinder sind beispielsweise: - Kinder, deren Mütter vom Ehemann verstoßen wurden - Kinder einer Witwe oder Vollwaisen - behinderte Kinder - Kinder, die an einem ‚Unglückstag', geboren sind (z.B. am Tsunami-Tag oder an einem durch Astrologen bestimmten ‚Unglückstag') - Kinder, deren Mütter einen Mordanschlag überlebt haben oder dabei zu Tode gekommen sind. (Häufig kommt es vor, dass Frauen vom Ehemann oder der Schwiegermutter mit Kerosin übergossen und angezündet werden, wenn die Herkunftsfamilie der Frau die vereinbarte Mitgift auch nach Jahren nicht bezahlen kann. Manchen dieser Kinder, bzw. deren Mütter, wird der ‚böse Blick' unterstellt. 1.2 .Zielgruppe: Ausgegrenzte Kinder und deren Mütter (sog. ‚Unglückskinder'- tarittiram)  2. Das Projekt 2.1. Vorgeschichte, Vorprojekte, durchgeführte Evaluierungen Nach dem Tsunami im Indischen Ozean vom 26. Dezember 2004, den unsere Familie miterlebt und gottlob auch überlebt hat, wurden die Fischer in Chinnamudaliyarchavadi, unsere Nachbarn, hart getroffen. Wir haben unmittelbar Nachbarschaftshilfe geleistet. Daraus ist ein Hilfswerk vor Ort entstanden, das Prana-Projekt (Förderschule für begabte Kinder; Therapiezentrum für Kinder mit Behinderungen; Schneiderinnen-Selbsthilfe- Projekt). Bei unseren ethnologischen Forschungen auf indischen Dörfern sind wir über mehr als zwanzig Jahren hinweg mit dem in ganz Indien verbreiteten Phänomen der Unglückskinder konfrontiert worden. Mit unserem Hilfsprojekt, in dem zurzeit allein acht ‚Unglückskinder' in der Förderschule sind, von den 17 Kindern mit Behinderungen in unserem Therapiezentrum ganz zu schwiegen, ist das Phänomen als Problem und Aufgabe an uns herangerückt. Das Süddeutsche-Zeitung-Magazin mit seiner die Million übersteigenden Leserschaft hat im Dezember 2007 anhand von Fällen aus unserem Projekt über ‚Unglückskinder' berichtet. Am 14. Januar 2009 schließlich konnten wir dank großzügiger Spenden das ‚Glückskinder-Projekt' mit vorerst zwei Einheiten beginnen (fünf Kinder, zwei Mütter, eine Großmutter). Diese acht Personen wohnen jetzt in unserem Projektgebäude. 2.2. Ziele 2.2.1. Oberziel: ‚Unglückskinder' werden zu Glückskindern. 2.2.2. Projektziele: Wir schaffen einen Modellfall, in dem Unglückskinder und ihre Mütter über Ausbildungs- und/oder Therapieprogramme (die Kinder gehen in eine gute Schule, bzw. erhalten auf ihre Bedürfnisse abgestimmte Förderungen, die Mütter erhalten Skills) in die Lage versetzt werden, sich selbst aus ihrem Elend und ihrer Notlage befreien zu können, um somit unabhängig von althergebrachten Vorstellungen in einem anderen sozialen Umfeld ein neues Leben zu beginnen. 2.3. Geplante Maßnahmen Gesellschaftliche Aufklärungsarbeit unter dem Motto: ‚Es gibt keine Unglückskinder! Es gibt nur unglückliche Kinder.' Konkrete Maßnahmen: Schaffung einer Modell-Institution, in der ‚Unglückskinder' und deren Mütter und evtl. Großmütter aufgenommen werden, Ausbildung und Skills erhalten, und dann - im Idealfall schon nach drei Jahren - aus eigenen Kräften in einem anderen sozialen Umfeld ein eigenständiges Leben führen können. Wir bilden mit dieser Modell-Institution eine Keimzelle, von der wir denken, dass sie auch andere Nicht- Regierungs-Organisationen, wie z.B. die Women's-Welfare-Association, von engagierten Frauen gegründet, anregen wird. Für entsprechende Bekanntmachung in indischen Medien werden wir uns einsetzen. Unsere Erfahrung mit dem PRANA- Projekt hat gezeigt, dass in Indien eine große Bereitschaft für innovative Impulse vorhanden ist. Unsere Vision ist es, dass sich unser oben genanntes Motto als Idee verbreitet. 2.4. Mögliche positive und negative Auswirkungen Positive Nebenwirkungen werden, neben der intendierten Bewusstseinsveränderung - vor allem auf den Dörfern - sein, dass diejenigen Institutionen, in denen ‚Unglückskinder' mit ihren Müttern aufgenommen werden, zugleich als eine Art Frauenhaus fungieren werden. Denn ‚Unglückskinder' und deren Mütter sind so gut wie immer der Gewalt - physischer, psychischer und sexueller - durch Väter bzw. Männer oder andere männliche Familienmitglieder ausgesetzt.. Kinder werden über das Glückskinder-Projekt vor Kinderarbeit geschützt; sie können nicht in die Prostitution gezwungen werden, wie dies sonst häufig geschieht.  Negative Nebenwirkungen, mit denen wir noch nicht konfrontiert worden sind, mit denen jedoch zu rechnen ist, sind, dass Kinder, vor allem Jungen, für die Verwandtschaft plötzlich dann wieder interessant werden, wenn sie alt genug sind, um Kinderarbeit leisten zu können (z.B. als Fäkalienräumer in Sickergruben und Kanalisationsreiniger in Städten, die den Verwandten Geld bringen, solange das Kind diese Tätigkeit überlebt). Wir müssen damit rechnen, uns mit den meist alkoholkranken männlichen Verwandten der Frauen und Kinder, die bei uns leben, auseinander setzen zu müssen. 2.5. Wirkungserfassung Die primäre Wirkungserfassung vollzieht sich zunächst auf der Ebene der Erfahrungen innerhalb des Projekts. Auf der öffentlichen Ebene geschieht die Wirkungserfassung über das Wahrnehmen der jetzt noch erhofften Tatsache von Diskussionen in Rundfunk, Fernsehen, der Tagespresse und auf der politischen Bühne, in denen die die ‚Unglückskinder' generierenden Denkmuster als nicht mehr akzeptabel dargestellt werden und ein Bewusstsein entsteht, in denen das Konzept von ‚Unglückskindern' keinen Platz mehr hat. Seit dem 14. Januar 2009 gibt es ein neues Prana-Unterprojekt: DAS GLÜCKSKINDER-PROJEKT Die erhoffte Wirkung ist erreicht, wenn auch in den Dörfern ins Bewusstsein dringt: ‚Es gibt keine Unglückskinder! Es gibt nur unglückliche Kinder.' Unsere Vision und Hoffnung ist es, dass das Glückskinderprojekt eines Tages überflüssig wird.